Tomte duckte sich
erschrocken unter das Rhabarberblatt vor dem Eingang zur Wichtelburg.
Vor seiner Nase schritt der Graf höchstpersönlich durch den Garten
seiner Domäne Coverden. Die Bauern, die neben ihren eigenen
Betrieben auch die Felder der Domäne bestellen mussten, waren schon
lange wieder zu Hause, nur die Hummeln und Bienen summten hier noch
geschäftig herum und der schwarzweiße Burgkater Alfred lag auf
seinem Lieblingsplatz zwischen der Katzenminze.
Die Sonne ging nun
unter und in den dunklen Wäldern des Wesertals, ward es schon
finster. Hier oben auf dem Nesselberg, unterhalb der Schaumburg,
wärmten die letzten Strahlen der Sommersonne den Eingang zur
Haupthöhle der Wichtel unter den Rhabarberblättern. Alva saß neben
der Eingangstür und rauchte aus einer kleinen Tonpfeife einen selbst
gemischten Tabak aus getrockneten Brombeerblättern und
Hagebuttenschnipseln. Es duftete sehr gut und hielt außerdem die
Mücken fern. Für einen Wichtel von der Größe dreier aufeinander
gestapelter Äpfel ist es schon sehr wichtig, dass die Mücken nicht
ins Haus kamen. Tomte wollte ihr eine Warnung zukommen lassen, der
Graf bemerkte bestimmt den Geruch des würzigen Tabaks. Doch der
Hausherr schritt nur brummend durch den Garten, hob hier eine
Handvoll Humus auf und stocherte dort in einem Loch. Dabei entfernte
er sich von der Wichtelburg, die Generationen vor Tomte und gar der
uralten Alva, in den Stein der Schaumburg gegraben hatten. Es gefiel
dem jungen Wichtel gar nicht, dass der Graf hier unten unterwegs war.
Er gehörte doch hinauf in seinen Palas. Jetzt kam auch noch der
Drost dazu. Tomte mochte den Drost der Domäne nicht besonders. Aber
er mochte alle Menschen nicht besonders gerne. Menschen waren einfach
nur riesig, nicht besonders hell im Kopf und machten viel zu viel
Lärm. Meistens um Nichts. Doch der Drost war ein besonders
unangenehmer Mensch. Er scheuchte die Bauern, die neben ihren eigenen
Feldern auch noch ihrem Landesherrn auf der Domäne dienen mussten,
mit einer Peitsche durch den Garten. Wenn der Drost den armen Kater
sah, musste das Tier schnell flüchten. Nicht umsonst fehlte Alfred
ein großer Teil seines einst so stolz erhobenen Schwanzes. Doch
heute Abend übersah er Alfred, der sich trotzdem schnell aus dem
Staub machte. Der Drost buckelte vor seinem Herrn, dem Graf Adolf und
wünschte einen guten Abend. Der Landesherr nickte ihm zu, dann
begann er gleich mit seinem Anliegen. Er schimpfte mit hochgezogener
Stirn: „Warum sind hier nicht die Erbsen angepflanzt, wie ich zum
Frühling befohlen hatte? Wo sind die Linsen, wo sind die Bohnen? Ich
sehe nur die gewohnte Einerlei und dort ein riesiger Rhabarber. Der
Koch soll bis morgen einen Kuchen daraus machen. In Bremen gibt es
einfach keinen richtigen Rhabarberkuchen. Jetzt sage er mir aber,
warum ich hier keine der Pflanzen wachsen sehe?“
„Oh, mein guter Herr!
Die Bauern haben die Samen in die Erde gebracht, doch nun seht, wie
sehr alles verdorrt ist! Seht Ihr, wie die Erde von diesem Pflug auf
Rädern zerschunden ist?“
Graf Adolf runzelte
seine Stirn noch mehr. „In Bremen haben wir dieses Jahr eine sehr
gute Ernte eingefahren. Mit dem neuen Pflug auf Rädern. Es
erleichtert den Bauern die Arbeit und bereitet den Boden optimal vor.
Ich verstehe das nicht, warum grade hier im fruchtbaren Wesertal die
Erbsen nicht wachsen wollen. Warum ist das so, Drost?“
Der Drost wand sich,
bevor er antwortete: „Aber Herr, Ihr kennt doch den Spruch: Wat de
Buer nicht kennt, fret hei nicht. So ist das nun mal bei uns.“
„Hm, ich denke, so
ist das eher bei dir. Keine Linsen, keine Bohnen und nun, dieses Jahr
keine Erbsen! So geht das nicht weiter. Ich werde mich selbst um den
Anbau kümmern, aber erst, wenn ich im Frühjahr aus Bremen zurück
bin. Sieh du zu, dass wenigstens die Fuchsjagd im Herbst stattfindet.
Du weißt, dass die Wichtel die Füchse fürchten und die Wichtel
wollen wir nicht verärgern.“
„Ja Herr. Die Wichtel
fürchten die Füchse. Aber Erbsen, Bohnen Linsen bringen den Arsch
zum Grinsen!“
Tomte nickte dazu. Das
war ein Landesherr nach seinem Geschmack. Schade, dass er sich so
selten im Garten seiner Domäne sehen ließ. Auch die alte Alva
nickte dem Graf zu, als er aus ihrem Blickfeld verschwand, obwohl er
sie natürlich nicht sehen konnte. „Tomte!“, rief sie den jungen
Wichtel leise. „Hast du gehört? Jetzt bekommen wir hier wieder
Erbsen! Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Erbsenmus
gegessen habe! Und die Füchse sind wirklich sehr frech geworden.
Alfred kann sie gar nicht mehr von uns fern halten. Wie gut, dass
Graf Adolf so ein weiser Herr ist. Da will ich mich gleich einmal um
seinen lieben Rhabarber kümmern.“
Die Wichtel wussten
natürlich, warum der Rhabarber dem Grafen so sehr schmeckte. Sie
sorgten liebevoll für das Gewächs, das ihren Eingang beschützte.
Aber es sollte ganz
anders kommen, als vom Landesherrn gefordert. Der Drost vergaß
einfach, dass er eine Fuchsjagd veranstalten sollte und der Drost der
Domäne Coverden vergaß auch, dass er den Boden im Frühjahr für
die Erbsen, Bohnen und Linsen vorbereiten sollte. Als Graf Adolf nach
einem milden Winter wieder auf seine Stammburg ritt, hatte er ein
paar große Säcke der Hülsenfrüchte aus Bremen mitgebracht. Wie
sehr schimpfte er, als er sah, dass wieder nur Gerste und Gagel für
Grutbier in seinem Garten wuchsen. Der Drost mochte das Grutbier
einfach viel zu gerne.
Die Alarmglocke im
kühnen Henke, einem Turm der Burg, wurde auf geheiß des Grafen
geläutet, alle Bauern mussten zum Garten kommen. Eigenhändig
pflügte der Landesherr mit dem neuen Pflug die Gräser und Gewürze
um. Er hatte sich die edlen Gewänder vom Oberkörper gezogen, weil
er schon nach wenigen Minuten schwitzte. Nur die Beinlinge hatte er
noch an. Eine Bahn nach der anderen schob er das Gerät auf dem Rad
durch die Erde. Alle Wichtel waren zu den Ritzen und Löchern in
ihrer Burg geeilt, um diesem Ereignis beizuwohnen. Auch Tomte, der
sich neben seinem Freund Elric quetschte. Die Bauern nickten, als
Graf Adolf ihnen den Pflug anbot. Sie versuchten, ihn durch die Erde
zu schieben. Einer nach dem Andren probierte es aus. Sie waren
wirklich beeindruckt, wie schnell sie das Stück im Garten bearbeitet
hatten. Dann streute der Graf die Linsen aus und bohrte Löcher für
die Erbsen und die Bohnen. Er hatte mehr mitgebracht, als er in
seinem Garten pflanzen konnte, die restlichen Säcke verteilte er an
die Bauern. Tomte murmelte Elric zu: „Ich hätte nicht übel Lust,
dem guten Herrn die Verfehlungen des Drosten zu berichten. Die Füchse
sind dieses Jahr sehr hungrig. Wir haben deshalb im letzten Herbst
nicht genug Hagebutten und Brombeeren sammeln können.“
„Ja, ich hoffe zu der
Fuchsplage kommt nicht auch noch eine Mückenplage wegen des
fehlenden Frostes. Dann müssen wir in diesem Herbst doppelt so
fleißig suchen. Wie gut, dass wenigstens Kater Alfred auf unserer
Seite ist. Der warnt uns rechtzeitig vor Füchsen und verscheucht den
Habicht.“
Als hätte Elric an
jenem denkwürdigen Tag im Frühjahr eine Prophezeiung ausgesprochen,
so kam es. Die Mücken plagten die Wichtel in diesem Sommer sehr, sie
mussten den ganzen Vorrat an getrockneten Brombeerblättern und
Hagebutten aufbrauchen. Auch die Füchse waren eine echte Plage. Sie
erwischten nicht nur die alte Alva, fünf weitere Wichtel wurden in
den Wald verschleppt. Die Mission, Brombeeren und
Hagebutten im Wald zu suchen, wurde in diesem Jahr den jungen
Wichteln auferlegt, die sehr schnelle Beine hatten. Natürlich wurde
der behände Elric ausgewählt. Ihm wurde der besonnene Tomte und
eine etwas jüngere Wichtelin mit dem Namen Runa zur Seite gestellt.
Sie konnte besonders gut hören. Am Abend vor der Ernte gab es jedoch
noch einmal ein Festmahl in der Wichtelburg. Die Hülsenfrüchte
waren auf den Feldern der Domäne gereift und waren nun geerntet.
Natürlich hatten die Wichtel ihren Teil abgezweigt. An diesem Abend
sollte es das erste Mal ein Erbsenmus geben. Laurin, der begnadete
Koch in der Wichtelburg, hatte es zu Ehren der Brombeerblätterernte
gekocht. Ein richtig gekochtes Erbsenmus ist die absolute
Lieblingsspeise aller Wichtel. Alle Teller, alle Schüsseln, sogar
der Kupferkessel in der Küche wurden mit den Zungen leer geleckt, so
lecker war das Mus. Satt und zufrieden gingen die Wichtel ins Bett.
Die Sorge, dass die Erntehelfer von den Füchsen oder den Habichten
gefressen werden könnten, schlummerte tief in den dicken Bäuchen
der kleinen Leute. Am nächsten Morgen war Tomte sogar sehr froh, in
den Wald zu dürfen. Der Eingang unter dem Rhabarber wurde schier
belagert von Wichteln, die hinaus eilen mussten. Kein Wichtel, der
etwas auf sich hält, pubst in der Wohnung. Das sonst so grüne Blatt
über dem Eingang lief schon gelblich an.
Sie
mussten lange laufen, bis sie endlich ein paar Brombeerbüsche
fanden. In diesem Teil des Waldes war Tomte noch nie gewesen, Runa
kannte als einzige den Weg hierher. Unter sich sah er die Schaumburg
liegen, über sich, zwischen den Brombeerranken, ein unheimlicher
Höhlenschlund. Elric sollte in den Busch klettern und die Brombeeren
schütteln, und die beiden anderen mussten suchen. Sie hatten ihre
Rucksäcke und Taschen schon voll, als Runa plötzlich mit dem
Zeigefinger am Mund zischte: „He, da raschelt etwas im Laub! In die
Höhle, schnell!“
Elric
rutschte mit einer Ranke zu Boden und gemeinsam rannten sie um ihr
Leben in die Höhle. Sie fanden einen schmalen Spalt, durch den der
Fuchs, kaum waren sie drin, seine Pfote streckte. Er hangelte nach
den Wichteln, die sich ängstlich an die Rückwand drängten. Tomte
wollte dem Fuchs schon auf die Pfote treten, da musste Runa pupsen.
Sie lief so rot an, dass sie wie ein hoch reifer Apfel in der Sonne
glänzte. Wichtel lassen nur unter freiem Himmel ihren Blähungen
freien Lauf, weil es äußerst ansteckend ist. Für einen Wichtel.
Nachdem Runa gepupst hatte, musste es auch Elric. Tomte hielt dem
Druck standhaft entgegen, bis Runa und Elric ihre zweite Ladung
abgeblasen hatten. Jetzt konnte auch Tomte nicht mehr an sich halten.
Umso mehr donnerte es in dem schmalen Felsenspalt. Runa wurde fast
ohnmächtig und Elric wedelte sich wie verrückt vor der Nase herum.
Vor dem Spalt quiekte der Fuchs erschrocken auf. Tomte hörte, wie er
in den Wald lief. Erleichtert konnten die Drei nun mit ihrer reichen
Ernte in die Wichtelburg zurückkehren.
Die
Wichtel waren über die Ereignisse in der Felsenhöhle so froh, dass
sie beschlossen, überall im schaumburger Land Erbsen, Linsen und
Bohnen zu pflanzen. Es wurde für jeden Wichtel zur Pflicht, von der
Ernte mindestens ein drittel wieder der Erde zurück zu geben. So
verbreiteten sich die nahrhaften Hülsenfrüchte und nie wieder
musste ein Menschen oder ein Wichtel mit leerem Magen
ins Bett gehen. Die Menschen vermehrten sich so rasch, dass sie den
Wald rodeten und Städte und Dörfer gründeten. So auch Rinteln,
Stadthagen, Rodenberg oder Wiedensahl und noch viele Dörfer mehr.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen